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Wo alte Autos zum Sterben hingehen …

04.07.2012 Kommentare (6) Reisen

3 Länder. 3 Wochen. 9885km.

Eigentlich wollten wir ja nur eine Woche nach Südschweden. Von der Idee inspiriert, wuchs der Plan dann doch recht schnell und schließlich umfasste er Südschweden und Norwegen bis in die Höhe von Trondheim. Irgendwie kam es dann aber doch etwas anders…

Unser Trip begann  mit der Fähre Puttgarden-Rødby, Dänemark sollte aber nur als Transitland dienen. Ein erster Zwischenstopp in Halmstad (Schweden), dann weiter nach Töcksfors von dort auf unbefestigten Straßen über die Grenze nach Norwegen. Hier erwartet einen kein mehrsprachiges „Willkommen-Schild – ein einfacher, runder Steinhaufen, mit gelber Farbe gekennzeichnet und um einen Grenzpfahl gruppiert, markiert die Grenze direkt neben dem Weg. Nur ein Hinweis auf die Videoüberwachung dieses ansonsten vollkommen unbeaufsichtigten Übergangs erinnert den Reisenden an moderne Zeiten.

3 Länder. 3 Wochen. 9885km.

Ab Larvik ging es nun immer grob an der Küste Südnorwegens entlang bis etwas nördlich von Bergen. Die Landschaft wechselt hier ständig ihr Gesicht, mal erscheint sie beinahe lieblich, mal überaus rauh. Mitte Mai dominieren in der Natur eher noch gedeckte Farben, das frische Frühlingsgrün zeigt sich an vielen Stellen erst ganz zaghaft, während hinter der nächsten Kurve bereits die Butterblumen blühen.

Norwegens Verkehrswege sind fast überall asphaltiert und nahezu durchweg in bemerkenswert gutem Zustand. Bezahlt werden muß dies im wahrsten Sinne des Wortes auf recht vielen Mautstraßen, hinzu kommen unzählige Fähren, ohne die man oft gar nicht auskommt. Zwar gibt es auch die eine oder andere, auf den ersten Blick einladend einsam erscheinende Abzweigung auf eine Schotterpiste, meist sind es aber nur kurze Sackgassen, die zu kleinen Dörfern oder Einzelhöfen führen. Obwohl hier statistisch gerade einmal dreizehn Einwohner auf den Quadratkilometer kommen (in Deutschland sind es laut Wikipedia stolze 231), kann man auch in abgelegeneren Gegenden des Landes manchmal den Eindruck bekommen, dass eigentlich fast überall immer jemand wohnt. Dieser Eindruck entsteht wahrscheinlich, weil es kaum Forst- oder Wirtschaftwege gibt, die statt zu einer Wohnstätte einfach in die Landschaft führen.

An der gesamten Küste Norwegens findet man immer wieder Beton-Überreste aus der deutschen Besatzungszeit während des Zweiten Weltkriegs, teilweise einfach brach liegend, andernorts friedlich nachgenutzt oder manchmal als Museum ausgebaut. Meist handelt es sich um ehemalige Marine- oder Heeres-Küstenbatterien, also befestigte Verteidigungsstellungen, die fast immer mit großkalibrigen Kanonen ausgestattet waren.

Von Bergen aus ging es nun in Richtung Osten in die Berge. Mitte Mai ist zwar eine schöne Reisezeit mit wenig Insekten (und auch wenig Touristen), leider sind aber um diese Jahreszeit manche Pässe auf Grund des Wetters immer noch geschlossen. Gerade die kleinen, fahrerisch und landschaftlich häufig besonders reizvollen Passstrassen, die inzwischen zum Teil durch Tunnel ersetzt wurden, stellten sich meist als gesperrt oder einfach unpassierbar heraus. Auf der Strecke Aurland-Lærdals kamen wir zwar bis auf etwa 1200m üNN, die letzten Kilometer führten aber bereits einspurig zwischen beidseitig etwa drei Meter hoch aufragenden und sich scheinbar schon bedrohlich nach innen neigenden Schneewänden hindurch. Die Weiterfahrt scheiterte kurz darauf an einem mitten auf der Straße abgestellten Radlader, hinter dem die Strecke im meterhohen Weiß verschwand. Das Tagesziel, Sogndal, war somit unerreichbar und ein Umweg von rund zweihundertfünfzig Kilometern inklusive Fähre unumgehbar.

Auf dem Weg nach Geiranger zeigte sich dann erneut, dass selbst größere Straßen Mitte Mai noch unpassierbar sein können. Sogar die „Touristenroute“ 15 zwischen Lom und Geiranger endete zwanzig Kilometer vor dem Ziel unversehens an einem Schneefeld. Übrig blieb nur der Tunnel nach Stryn und erneut ein gewaltiger Umweg – der sich aber glücklicherweise als landschaftlich interessant herausstellen sollte. Um so enttäuschender erschien uns daraufhin Geiranger. Der gleichnamige Fjord ist zwar Weltkulturerbe und ein sehenswertes Naturschauspiel, der Ort selbst aber erschien uns eher als eine Touristenfalle mit Souvenirshop und ziemlich überhöhten Preisen.

Der folgende Tag führte über mehrere Fähren zur berühmten Atlantikstrasse bei Molde. Über Kristiansund ging es dann über Heimdall in Richtung Trondheim, vorbei an zahlreichen Lachszuchtfarmen Hier werden die Fische zu Tausenden in recht eng wirkenden, schwimmenden Käfiganlagen herangezüchtet.

Eigentlich sollte es ab hier Richtung Osten nach Schweden gehen. Da wir aber weit weniger Schotterstrecken hatten als anfänglich erhofft, waren wir inzwischen schon etwas zu schnell im Hinblick auf die ursprüngliche Planung – was uns sozusagen zusätzlich Zeit bescherte. Wir beschlossen, diese für einen Trip zum Polarkreis und weiter zur Mitternachtssonne zu nutzen. Um diese Zeit kann man dieses Phänomen ungefähr ab dem 69. Breitengrad erleben, also etwas nördlich von Narvik. Auf dem Saltfjellet am Polarkreis lag neben der Straße immer noch etwa einen Meter hoch Schnee, aus dem die zahlreichen Marker und Schilder am Polarkreis-Center (das nicht viel mehr als ein großer Souvenirshop ist) zum Teil gerade einmal hervorschauten. Mit der Mitternachtssonne versuchten wir es schließlich in der Gegend von Bjerkvik, allerdings wegen einsetzender Bewölkung leider ohne allzu großen Erfolg.

Nachdem uns die Mitternachtssonne hier mehr oder minder vorenthalten geblieben war, fiel zwischen Frühstück und Tankstelle eine schnelle Entscheidung: Wir fahren noch weiter nach Norden. Über das Nordkap hatten wir schon viel gelesen und gehört und das Wenigste davon klang positiv. Nicht genug damit, das es keineswegs der nördlichste Zipfel Europas oder auch nur Norwegens ist und gar nicht auf dem Festland liegt, handelt es sich inzwischen wohl auch um einen etwas übertriebenen und recht teuren Touristen-Tamtam, der zudem meist von Nebel verdeckt sein soll. Aus diesem Grund, vor allem aber auch wegen unseres Interesses an der Geschichte des „Kalten Krieges“ fiel die Wahl auf den winzigen Ort Grense Jakobselv in der nordöstlichsten Ecke Norwegens direkt an der Grenze zu Russland – sozusagen das Nordende des ehemaligen *Eisernen Vorhangs“.

3 Länder. 3 Wochen. 9885km.

Eine Reise mit dem Strom auf der E6 wäre nicht nur etwa zweihundert Kilometer länger, sondern sicherlich auch weniger reizvoll gewesen als der Weg über Berge, durch die Wälder und weite Tundra Lapplands. Von Norwegen führt er über Kiruna in Schweden nach Finnland, von dort noch einmal durch einen anderen Teil Norwegens, ein zweites Mal durch Finnland wiederum nach Norwegen. Fast neunhundert Kilometer weiter und nach vielen Elchen, Rentieren, Schneehasen und -hühnern kam Kirkenes langsam in greifbare Nähe. Gerade rechtzeitig kurz nach Mitternacht riss die dichte Wolkenwand im Norden auf und gab den Blick auf eine orangefarbene Sonne frei. Was will man mehr?

Nach einem Besuch am Grenzübergang und dem Grenzfluss, nur eine  Steinwurfweite von Russland entfernt, ging es auf der E75 wieder Richtung Süden zurück nach Lappland. Die kaum besiedelte Taiga- und Tundra-Landschaft im nördlichen Finnland mag manchem eintönig oder durch ihre Einsamkeit vielleicht sogar bedrückend vorkommen, uns hat sie begeistert. Hier hat sich der Reisezeitpunkt im Mai als ideal erwiesen – wenige Wochen später dürften hier Milliarden von Mücken herumfliegen.

Das finnische Polarkreis-Center inklusive Weihnachtsmann-Dorf in Nappapiiri (Finnisch für „Polarkreis“) nördlich von Rovaniemi kann man getrost auslassen, wenn man für derlei touristischen Schnickschnack nichts übrig hat. Überhaupt scheint in Rovaniemi, der Hauptstadt Lapplands, ein gewisser Weihnachts-Hype zu herrschen, viele Hotels, Restaurants und andere Dinge tragen dann auch gleich das Wort „Santa“ im Namen. Die weniger touristischen Punkte wie beispielsweise das Waldarbeits- und Holz-Museum öffnen leider erst Anfang Juni, die frühe Reisezeit hat also nicht nur Vorteile.

Richtung Südwesten ging es nun über kleinere Strassen und einsame Schotterpisten durch ausgedehnte Wald- und Moorgebiete weiter – nicht immer ohne Hindernisse. Nach der Überquerung des Grenzflusses zu Schweden änderte sich das Bild schlagartig, hier gibt es im Vergleich zu Finnland weitaus mehr gerodete und landwirtschaftlich genutzte Flächen, die Orte erscheinen moderner und größer und alles ein wenig bevölkerter. Nach einem kurzen Zwischenstopp an der Ostseeküste ging es südwestlich durch das von Birken-/Kiefern-Mischwäldern geprägte Südlappland in das bereits wieder etwas hügelige Järmland bis Östersund. Etwa ein Drittel dieser Strecke konnten wir dabei über ansonsten fast nur von Einheimischen und Holztransporten genutzte Schotterpisten bestreiten.

Das eigentliche Ziel im Järmland aber war die Flatruet-Strecke, Schwedens höchstgelegene Strasse. Bis auf rund 975 Meter über dem Meeresspiegel steigt diese Piste zwischen Ljungdalen im Norden und Funäsdalen im Süden an. Bereits kurz hinter Östersund bogen wir von der Hauptstrasse auf Nebenstrecken ab und konnten so fast den gesamten Weg bis Ljungdalen zurücklegen, durch einsame Wälder vorbei an Flüssen, Seen und zahlreichen Rentieren. In dieser Gegend stößt man auch immer wieder auf Sammel- und Verladeanlagen der Rentierzüchter, ganz ähnlich den Rinder-Corrals, wie sie in den USA üblich sind.

Die Szenerie entlang des etwa fünfzig Kilometer langen Flatruetvägen bietet ein vollkommen anderes Landschaftsbild. In diesem, Ende Mai immer noch teilweise schneebedeckten Hochland wachsen fast nur noch Gräser und Flechten, die wenigen vereinzelten Birken entwickeln sich auf Grund der kurzen Vegetationsperiode nur langsam und sind entsprechend klein. Das Panorama erscheint beinahe unwirklich, man fühlt sich fast ein wenig an Bilder aus Nepal oder Chile erinnert.

3 Länder. 3 Wochen. 9885km.

Die Weiterfahrt nach Mora war zum großen Teil wieder auf Forststrassen und anderen, oft nur locker geschotterten Strecken möglich. In Deutschland in diesem Ausmaß undenkbar, existiert hier in Mittelschweden ein weit verzweigtes Netz solcher Schotterstrassen zur Erschließung von Waldgebieten für forstliche Zwecke und zur Anbindung abgelegener Siedelungen, Sommer- und Wochenendhäuser. Ein nur geringes Verkehrsaufkommen rechtfertigt wohl in vielen Fällen keinen zu aufwändigen Ausbau. Diese unbefestigten Verkehrswege sind in den meisten Fällen auch mit einem normalen PKW befahrbar und erlauben ein langsameres, weniger hektisches Reisen abseits der bevölkerten Touristenmassen.

In Südschweden steigt nicht nur die Bevölkerungs- und Besiedelungsdichte, es gibt auch weitaus mehr bewirtschaftetes Kulturland und damit leider vor allem auch weniger einsame Gegenden. Nach der Reise durch so viele, oft fast menschenleer wirkende Landschaften empfanden wir die wieder deutlich höhere Bevölkerungs- und Zivilisationsdichte in diesem Teil Schwedens schon fast als unangenehm, dabei leben auch hier weit weniger Menschen pro Quadratkilometer als in Deutschland.

3 Länder. 3 Wochen. 9885km.

Wer extreme Offroad-Herausforderungen sucht, ist in Skandinavien nicht besonders gut aufgehoben. Wer aber auf der Suche nach faszinierenden, noch nicht überlaufenen Landschaften ist und sich fahrerisch auch am langsameren Reisen über Schotterpisten, Forststrassen und einspurige Nebenstrecken erfreuen kann, wird in Skandinavien zumindest oberhalb etwa des 61./62. Breitengrades mit Sicherheit etwas für sich finden. Uns haben die atemberaubenden Fjäll- und Fjord-Landschaften Norwegens, die weite Tundra Nordfinnlands und die Gegend um die Flatruet-Hochebene im Järmland auf dieser Reise am stärksten beeindruckt. Enttäuscht hat uns aber keine der auf diesem Trip bereisten Regionen, lediglich auf Schwedens Süden hätten wir im Nachhinein wohl ganz gut verzichten können.

Man kann den Touristenwegen und -Massen scheinbar noch ganz gut entgehen. Voraussetzung dafür ist aber die richtige Reisezeit, eine ausführliche Vorbereitung und möglichst gutes Kartenmaterial. Unsere Route sah in etwa so aus:

Ein paar Links, die wir bei der Vorbereitung und während der Reise hilfreich, praktisch oder zumindest interessant fanden:

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3 Länder. 3 Wochen. 9885km.

6 Antworten zu 3 Länder. 3 Wochen. 9885km.

  1. Peter Kruithoff sagt:

    Hallo.
    Nachdem wir 2012 bereits für 2 Wochen durch
    Schweden und Norwegen mit dem Motorrad
    gereist sind, zieht es uns 2015 wieder dort hin.
    Da wir wieder ausschließlich Wildcampen wollen und abseits befestigter Wege fahren wollen, interessiert mich euer Tourenverlauf.
    Mit 2 BMW GS sollten wir keine Probleme bekommen. Wir würden die Tour jedoch in umgekehrter Richtung fahren.
    Geplant ist die Tour vom 26.05 bis 26.06.15
    Ist es möglich die Tour zur Bearbeitung in Basecamp zu bekommen. Das würde mir einige zeit bei der Planung sparen. Eine Aufstellung besonderer poi’s würde auch schon helfen. Wäre doch schade wenn wir 4000 km von Zuhause weg wären und dann an echten Highlights vorbei fahren würden. Ich meine damit jedoch nicht Touristische Treffpunkte wie das Kap. Habe da eher an so etwas wie das Schneemobil Museum in Nordschweden gedacht. Das auch nur weil von dort eine ca. 180 km lange Schotterpiste weiter führt.
    Gruß Peter

  2. Toma H. Lee sagt:

    Looks like there is'nt too many people living in those areas…

  3. Marcus sagt:

    Ein schöner Bericht! Wir werden in den nächsten Tagen auch wieder Richtung Schweden starten 🙂

  4. Heinz-G.Bublitz sagt:

    Durch „Shadow“ erhielt ich Ihren Reisebericht den ich mit Interesse gelesen habe, und von den anhängenden Bildern begeistert war. Selbt habe ich bereits zweimal das teure Norwegen bereist, allerdings auf den sog. Touri-Straßen mit einem normalen PKW. Aber auch diese Fahrt war erlebenswert. Wir hatten eine Rundreise bis rauf nach Trondheim gemacht und hatten dabei wesentlich besseres Wetter und , auch in höheren Lagen, kaum noch Schnee.
    Vielen Dank für diesen Bericht. Vielleicht ergibt es sich, daß ich von dieser Reise noch mehr Bilder sehen kann.
    MfG.

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