Markt und Oldtimer satt in Mulhouse

Drei mal Dreiländereck in den Alpen

27.12.2017 Kommentare (4) Reisen

Skandinavien – und wieder 10.000 Kilometer

Als wir im Juni 2015 am Baltic Sea Circle, der nördlichsten Rallye der Welt, teilnahmen und dabei in fünfzehn Tagen mehr als 7.500 Kilometer durch zehn Länder rund um die Ostsee zurücklegten, hatten wir naturgemäß nicht sonderlich viel Zeit, um uns schöne Orte genauer anzusehen oder gar einmal an ihnen zu verweilen. Da wir aber auf der Strecke immer wieder an solchen Plätzen vorbei kamen, fassten wir schon damals den Plan, diese Reise noch einmal ohne Zeitdruck zu vertiefen. Schon in der Planungsphase haben wir dann aber doch entschieden, dieses Vorhaben in mehrere Reisen zu unterteilen und uns diesmal auf Norwegen und Finnisch-Karelien zu konzentrieren. Ende Mai 2017 ging’s los, ein letztes Mal noch mit dem Hilux.

Von der Fähre in Helsingborg fuhren wir nach Norden auf den Vättern-See zu, an dessen Westufer wir uns eine Weile um die Reste der Festungsanlagen oberhalb des Bottensjön herumtrieben. Das Areal ist eine merkwürdige Mixtur aus beschilderten und gut beschriebenen (aber verschlossenen) Befestigungsbauten vergangener Zeiten und aktueller militärischer Nutzung. Offenbar wird das riesige Gelände komplett von den schwedischen Streitkräften benutzt, einigen Soldaten in Militärfahrzeugen begegneten wir dann auch tatsächlich und frische, eindeutig militärische Patronenhülsen hier und da zeigten, dass hier scheinbar auch noch Übungsbetrieb stattfindet. Mit einem großen Schlenker ging es von dort weiter zum Ostufer des Vänern, Schwedens größtem Sees.

Eigentlich wollten wir entgegen dem Uhrzeigersinn fahren und die Fähre von Stockholm nach Turku nehmen. In Schwedens Hauptstadt angekommen, entwickelte sich die mittelfristige Wettervorhersage für Finnland derart schlecht, dass wir kurzerhand beschlossen, dann eben doch andersherum zu beginnen. Zugegeben, Vernunft geht sicher anders, aber sei’s drum. Also ging es statt nach Osten wieder nach Westen, nördlich an Vättern und Vänern vorbei zur schwedisch-norwegischen Grenze, um Oslo herum und ganz grob der Küste folgend bis Stavanger (natürlich nicht alles an einem Tag…). Mit größeren Städten können wir uns trotz aller Selbstversuche einfach nicht so recht anfreunden und so ging es dann auch umgehend weiter gen Norden.

Statt weiter der Küste mit ihren zahllosen Fjorden zu folgen, zog es uns diesmal eher in den Osten Norwegens, um die grandiosen Berglandschaften und Pässe zu genießen. Den beeindruckenden, weit ins Landesinnere reichenden Trondheimford umfuhren wir auf der deutlich weniger befahrenen Westseite. Irgendwann trafen wir aber doch auf die E6, um die man hier auch nur schwer herum kommt. Auf dem Weg auf die Lofoten, einem unserer absoluten Lieblingsorte, besuchten wir die ehemalige Marine-Küstenbatterie Orlandet, die der Öffentlichkeit als museal zugänglich gemacht wurde. In der Vorsaison war die Ausstellung noch geschlossen, die noch vorhandenen, monströsen Geschütze aber auch für sich höchst beeindruckend.

Um auf die Lofoten zu kommen, nahmen wir (wie auf der Rallye) die Fähre ab Bognes. In Offersøy gönnten wir uns ein leckeres Fisch-Abendessen (was auf den Lofoten ja auch nahe liegt…). In den Folgetagen fuhren wir kreuz und quer über die Inselgruppe, besuchten das Wikinger-Museum mit einen nachgebildeten Langhaus und erfreuten uns an der Landschaft. Aus Spaß waren wir auch nochmal in Hov am Strand, an dem beim Baltic Sea Circle 2015 die große Party stattfand und etwa zehn Tage später wieder steigen würde – ein großer Haufen Holz für das riesige Lagerfeuer lag schon bereit. In vielen der hübschen Dörfer hängt der Fisch zum Trocknen auf Gestellen. Geschmacklich etwas fade und nicht so unser Fall, aber schön anzuschauen. Wir haben uns dann kulinarisch weiterhin an leckeren, frischen Fisch gehalten. Die Lofoten sind wunderschön, aber eben auch nicht gerade riesig. Das führt an Orten wie etwa der Südspitze natürlich auch dazu, dass sich Busladungen von Menschen ergießen, was uns zur sofortigen Flucht an andere, einsamere Ecken der Inseln trieb – die es glücklicherweise auch gibt.

Die Lofoten verließen wir dann auf dem Landweg in Richtung Nordosten und machten noch zwei längere Abstecher zum Raisa Nationalpark. Die berühmten Felszeichnungen am Alta-Fjord hätten wir uns schon 2015 gern angesehen und konnten das jetzt ausgiebig nachholen. Die schiere Zahl und Vielfalt von Bildern ist faszinierend. Die Motive befassen sich meist mit dem täglichen Leben der Menschen, mit Tieren, Fischfang und der Seefahrt. Manche der in den Stein gekratzten Motive sind mit roter Naturfarbe nachgemalt, damit sie besser erkennbar sind.

Auf das Nordkapp und seinen Hype hatten wir nicht noch einmal Lust und der Nordosten um Kirkenes ist ein anderes Mal wieder dran, Nordfinnland und Karelien waren die nächsten Ziele. Eigentlich wären wir gerne auf einer vielversprechenden Piste über das Fjell Richtung Finnland gefahren, leider machte uns ein Verbotsschild bei Gargia einen Strich durch diese Rechnung. Somit blieb uns nur die größere Straße nach Kautokaino, einem der kulturellen Zentren der Samen in Norwegen. Landschaftlich wurden wir von der kargen, einsamen Weite der subpolaren Tundra nicht enttäuscht. Klassisches Rentierland, kaum von Siedlungen unterbrochen, Snowmobile-Tracks, die die Straße kreuzen und wunderbare Aussichten. Die Nacht verbrachten wir dann bereits in Finnland auf einem kleinen Campingplatz in Enontekiö, der sogar eine ganz tolle Sauna hatte.

Bei Sodankyla kreuzten wir die große Straße 4, die Haupt-Nord-Süd-Verbindung Finnlands, in Richtung Osten. Auf der 5 ging es noch rund einhundert Kilometer nach Südosten durch schier endlose, von niedrigen Birken geprägte Wälder und irgendwann noch weiter östlich nach Salla und zum Oulanga Nationalpark. Hier gibt es übrigens einen kleinen und einfachen Natur-Campingplatz mitten im Wald, der nur aus ein paar Waldwegen und wenig Infrastruktur besteht. Da das freie Stehen im Nationalpark verboten ist und dieser Platz in keiner Weise an die üblichen Camping-Moloche erinnert, eine unbedingte Empfehlung. Auf kleineren Straßen und Pisten führte unser Weg weiter nach Süden. Kurz hinter Kapylä legten wir einen Stopp bei den Hiljainen kansa („stille Leute“ oder „Silent People“) ein, einem Kunstprojekt mit einem ganzen Feld voller unterschiedlichster, Vogelscheuchen ähnlicher Figuren. Ein Besuch und Spaziergang zwischen den kreativ gestalteten „Typen“ macht Spaß. Den daneben gelegen Imbiss kann man unserer Ansicht nach auch ganz gut auslassen.

Ein nicht unerheblicher Teil des heutigen Russisch-Karelien gehörte bis 1944 noch zu Finnland und ging dem Land im Winterkrieg 1941 und im Wiederholungskrieg 1944 verloren. An vielen Stellen in den Wäldern nahe der heutigen Grenze zur Russischen Föderation sind noch heute Reste der damaligen Grabenstellungen erkennbar. Zum Teil kümmern sich regionale Initiativen und Museen um die Restaurierung, damit dieser Teil der finnischen Geschichte auch für kommende Generationen anschaulich bleibt. Etwa fünfzehn Kilometer Luftlinie östlich des Ortes Hattuvaara liegt Itäpiste, was nichts mit unserem Wort „Piste“ zu tun hat, sondern den östlichsten Punkt Finnlands und der EU bezeichnet. Auf einer Insel mitten in einem See stehen drei Grenzpfosten – ein finnischer, ein russischer und dazwischen ein neutraler, der die genaue Grenze markiert. Schon auf dem Weg dahin, der übrigens zufällig doch nur eine Piste ist, kommt man durch und in ein Sperrgebiet, das mit gelben Bändern an den Baumstämmen markiert ist. Bis ans Ufer des Grenzsees führt dann nur noch ein Fußweg.

In ganz Karelien haben wir absichtlich immer wieder kleinere Straßen und Schotterwege Richtung Grenze genommen, von denen wir wussten, dass es dort nicht weitergehen würde. Abgesehen von der vollkommen anderen Landschaft erinnert das manchmal ein wenig an die damalige Situation an der Deutsch-Deutschen Grenze, wo frühere Verkehrswege einfach zu Ende waren. Östlich von Ilomantsi hätten wir uns gerne die historische Eisenverhüttung in Möhkö angesehen, das Museum hatte aber Mitte Juni irgendwie immer noch geschlossen. Übrigens war diese Gegend auf dem ganzen Trip die einzige, in der wir mit den sprichwörtlichen finnischen Mücken zu kämpfen hatten. Ich war in der Dämmerung viel draußen an einem der zahlreichen Seen, was mit fast vierzig Stichen belohnt wurde, Christel hatte nur zwei oder drei. Aber das sollte niemanden von einem Besuch abhalten. Wir folgten der Grenze im Abstand weiter auf der „Via Karelia“ und bogen weiter südlich in Richtung Savonlinna ab, um die ausgedehnte Seenlandschaft auf der Westseite zu umrunden. Ein Abstecher zur größten Holzkirche der Welt in Kerimäki musste natürlich sein – die hatten wir während der Rallye als Challenge finden müssen.

Ab Kaljaniemi merkten wir dann schon immer deutlicher, dass wir uns auf den etwas dichter
besiedelten Süden des Landes zu bewegen. Die Orte folgen dichter aufeinander, der Verkehr wird dichter und man sieht viel mehr Industrie und Gewerbe. Bevor wir endgültig in Richtung Westen abbogen, nahmen wir noch einige kleinere Umwege ganz nah an der russischen Grenze. Auf dem Weg zur finnischen Hauptstadt statteten wir der orthodoxen Kirche in Porvoo noch einen Besuch ab, leider nur von außen. Mit den eher prächtigen Gotteshäusern in Russland hat dieses leider nicht so viel gemeinsam. In Helsinki war dann wieder so viel los, dass es uns dort nicht lange hielt. Weitestgehend auf Nebenstrecken machten wir uns auf nach Turku, schauten uns ein paar weniger touristische Teile der Stadt an und fuhren abends auf die Fähre Richtung Schweden.

Mehr oder minder im Zickzack folgten wir möglichst kleinen Straßen unter Vermeidung der Wochen vorher schon befahreren Wege erneut nördlich von Vättern und Vänern nach Westen, bogen irgendwann nach Südwesten ab und landeten schließlich an der Westküste im Fischerörtchen Smögen. Wir hatten nur noch wenige Tage Zeit damit blieb uns nur noch der Heimweg. Zum Schluss waren es dann insgesamt doch weit mehr als zehntausend Kilometer …

Beim nochmaligen Durchlesen dieses Textes fiel mir auf, dass man denken könnte, wir hätten in den viereinhalb Wochen ja nun echt nicht viel gesehen bzw. erlebt. Für uns ist gefühlt das Gegenteil der Fall. Städten und beliebten Tourismus-Zielen sind wir möglichst weitgehend aus dem Weg gegangen. Dabei haben wir großartige, nur ganz spärlich besiedelte Landschaften gesehen und genossen. Das lässt sich schwer in Worte und nur ungenügend in Fotos fassen. Wir werden die dünner besiedelten Gegenden Norwegens, Schwedens und Finnlands bestimmt irgendwann wieder bereisen, ganz besonders weit oben im Norden.

 

4 Antworten zu Skandinavien – und wieder 10.000 Kilometer

  1. Marcus Knapp sagt:

    Hallo Michael,
    kann man den Track downloaden. Liest sich echt spannend
    Gruß Marcus

  2. Jan Winterhoff sagt:

    Super schön beschrieben

    Freue mich auf eigene Eindrücke

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