Stop-over auf den Färöer-Inseln

29.12.2018 Kommentare (2) Reisen

Island – hin- und hergerissen

Feuer und Eis – das Klischee an sich für Island. Aber es stimmt natürlich, das Land hat eine ganz besondere Geologie und, daraus resultierend, faszinierende Landschaften, die sich immer noch verändern. Für unseren vierten Island-Trip im August 2018 bekommt dieser Slogan für uns aber auch eine neue Bedeutung: Das Feuer, das ins uns für dieses Land brennt, bekommt einen kleinen Dämpfer.

Es ist früher August, als wir nach einen Zwischenstopp auf den Färöer-Inseln zum vierten Mal mit der MS Norröna in Seyðisfjörður, dem kleinen, liebenswürdigen Fährhafen im Osten Islands ankommen. Island gehört zu unseren absoluten Favoriten, nicht nur auf Grund der Landschaft. Auch die Einsamkeit und die Mentalität der Isländer liegen uns sehr. Im Abstand von zwei Jahren hat es uns immer wieder hierher gezogen. Beim letzten Besuch im Spätsommer 2016 war es ein wenig anders, manche Dinge fühlten sich verändert an, manch negativer Nebeneffekt der modernen Welt schien auch in Island angekommen. Wie auch immer – wir freuen uns jedenfalls total, endlich wieder hier zu sein.  Der grundsätzliche Plan für diesen Besuch besteht aus Orten und Strecken, die wir noch nicht kennen und einigen Plätzen, die wir besonders faszinierend finden, an denen das Wetter sonst immer bescheiden war oder die wir irgendwie lieb gewonnen haben. Und wir wollen vorsichtig austesten, wo die Grenzen unseres „Esels“ liegen. Bisher waren wir mit dem FJ Cruiser und dem Hilux hier, die natürlich deutlich geländetauglicher waren als es unser Allrad-Sprinter ist. Wie und wo herum wir fahren, wissen wir noch nicht.

Nach dem obligatorischen Einkauf im Supermarkt in Egilsstaðir, einer nicht besonders guten Pizza im Imbiss nebenan und einem eingehenden Blick auf die Wettervorhersage wenden wir uns erst mal Richtung Süden. Irgendwann biegen wir rechts ab und folgen dem großen Gletscherfluss, dem Lagarfljót, für eine ganze Weile. Je näher wir dem Hochland kommen, desto bescheidener entwickelt sich auch hier das Wetter. Wir entscheiden, ein Stück zurück zu fahren und uns erst mal grob Richtung Höfn zu halten. Unterwegs geht es zu einem Leuchtturm auf eine wirklich schöne Landspitze und noch mal ans Meer in der Nähe der Radarstation der Küstenwache bei Stocksnes. In einem kleinen Café bestellen wir uns jeder eine große Waffel, Christel nimmt einen Cappuccino, ich einen Milchkaffee. Sehr opulent und total lecker. Als die Bedienung dann umgerechnet mehr als achtundzwanzig Euro haben möchte, wird uns schlagartig klar, dass Island noch viel teurer geworden ist, als es schon war. Sicher nimmt das Café auch einen Aufschlag für die tolle Lage, aber das ist schon ein heftiger Preis.

Es geht auf den Abend zu. Wir beschließen, auf dem Stellplatz in Höfn zu übernachten. Und bereuen es wenig später. „Gemütlich“ geht anders und die sanitären Anlagen sind eher suboptimal. Das würde uns eigentlich nichts ausmachen, aber bei einem Preis von 3.700 ISK, also umgerechnet rund dreißig Euro, sind wir doch wenig begeistert darüber. Dazu ist es ziemlich voll und einige Camper benehmen sich etwas rücksichtslos gegenüber ihren Mit-Campern.

Neuer Tag, neues Glück. Wir fahren erst mal hinauf zum Hoffellsjöküll. Vor zwei Jahren konnte man noch weiter oben parken, mit direkten Blick auf Gletscher und Gletschersee. 2016 waren wir hier eines von nur drei Autos, heute sind es bestimmt zehn oder fünfzehn. Wahrscheinlich genau deshalb stehen hier jetzt Verbotsschilder und man muss ein Stück weiter unten parken. Schade, aber schon verständlich. Macht auch nichts, wir wandern die wenigen Schritte und freuen uns über diesen beeindruckenden Anblick. Ein Gletscher, genau vor uns. Toll. Eine Weile später, an der Gletscherlagune Jöküllsarlon, sieht sieht die Welt dann ganz anders aus. Hier steppt der Bär. Alle möglichen Businesses bieten Bootstouren und andere Aktivitäten an und es ist ziemlich voll hier. Wir verspüren Fluchtgedanken, aber der spektakuläre Anblick bei fantastischem Wetter hält uns für eine längere Fotosession dort. Etwas weiter westlich biegen wir noch mal für ein paar Kilometer auf eine nicht beschilderte, unbefestigte Strecke ab, die uns ein Stück nach Norden in Richtung Vatnajöküll bringt. Der Abstecher lohnt sich, wir treffen nur zwei oder drei andere Fahrzeuge und die Landschaft bleibt die ganze Strecke über richtig schön.

Wir folgen weiter der Ringstraße und besuchen noch die Basaltplatten von Kirkjubæjarklaustur. Auf dem Parkstreifen ist zwar nicht so derbe viel los, aber wir wissen, dass „freies Stehen“ auf Island inzwischen leider verboten ist – was hier sogar noch mal durch ein Schild unterstrichen wird. Nach einem ausgiebigen Spaziergang fahren wir ein kleines Stück nach Norden zum nächsten Campingplatz. Der besteht eigentlich auch nur aus einem geschotterten Parkstreifen und einem einfachen Toilettenhaus. Voll ist es hier. So richtig voll.  Eine halbe Stunde nach unserer Ankunft ist kein Platz mehr frei. Und uns fällt zum ersten Mal auf, wie viele Miet-Microcamper (meist so etwas wie Dacia Dokker, VW Caddy o.ä.), darunter sind. Glücklicherweise nimmt der Platz an der „Iceland Camping Card“ teil. Die hat uns im Vorfeld zwar rund 150,- Euro gekostet, dafür bezahlt man bei den teilnehmenden Plätzen aber nur noch die Kurtaxe – etwas weniger als drei Euro. Wir nehmen uns vor, bei den kommenden Übernachtungen möglichst nur Campingplätze zu wählen, für die das gilt.

Am nächsten Morgen ist immer noch ziemlich schönstes Wetter. Wir wollen zum Laki, dessen Ausbruch 1783/1784 sogar Auswirkungen auf das globale Klima hatte und so für Missernten und Not in vielen Teilen Europas sorgte. Die etwa siebzig Kilometer lange, unbefestigte Straße sind wir zuletzt 2012 mit dem FJ Cruiser gefahren und wir wissen, dass sie durch diverse Furten führt.  Wir sind gespannt, wie der Esel sich schlagen wird. Eigentlich sollte dort nicht besonders viel los sein, die F-Roads sind ja mit Schildern nur für 4×4-Fahrzeuge gekennzeichnet und für normale PKW ausdrücklich verboten. Die Autovermieter weisen bei Übergabe wohl auch ausdrücklich darauf hin und schließen bei Nichtbeachtung jede Haftung aus. Unterwegs folgt uns trotzdem irgendein winziger Mietwagen, ganz bestimmt ohne Allradantrieb und schon gar kein echter 4×4. Wir wundern uns, aber sicher ist das ein Einzelfall. Den Winzling verlieren wir irgendwann aus den Augen. An einer etwas ausgewaschenen Kurve mit Verschränkung liegen dann allerlei Kunststoff-Karosserieteile herum. Also vielleicht doch kein Einzelfall? Der Verdacht bestätigt sich am Parkplatz des Laki: Neben einigen 4×4-Fahrzeugen stehen mindestens genauso viele Autos, die hier eigentlich gar nicht her dürften, deren Fahrern das aber offenbar vollkommen egal ist. Alles Mietwagen und ein bisschen ein Wunder, dass sie überhaupt ohne Schaden hierher gelangt sind. Der Sprinter macht erwartungsgemäß keine Probleme, allerdings ist momentan auch keine der Furten tiefer als zwanzig Zentimeter. Und die Landschaft ist toll. Zwischen all der erodierten Lava hat sich trotz der Jahrhunderte seit dem Ausbruch des Laki nur spärliche, aber auch vielfältige Vegetation gebildet. Unglaublich, wie viele verschiedene Flechten hier allein wachsen. Und obwohl es schon bald Mitte August ist, gibt es allerlei kleine Blüten.

Zurück auf der N1 nehmen wir den südlichen Umweg über Langholt, um wenigstens etwas von der Ringstraße wegzukommen. Schon einige Kilometer weiter hat sie uns wieder – sehr viele andere Möglichkeiten gibt es hier im Süden der Insel auch nicht. Wir machen einen Abstecher an den tiefschwarzen Strand von Hjörleifshöfði, cruisen etwas durch Vik i Myrdal, stocken unsere Vorräte auf und landen gegen Abend auf dem dortigen Campground. Leider stellt der sich als Baustelle heraus. Auch hier wieder jede Menge Microcamper, das scheint eindeutig der neue Trend zu sein. Wir wollen duschen gehen, aber ein paar junge Italiener belegen die einzige Herrendusche mit ewig langen Dusch-Sessions bis beinahe Mitternacht. Christel hat da im teilweise fertiggestellten Neubau nebenan schon früher Glück.

Island   hin  und hergerissen

 

Morgens wollen wir zu den Basaltsäulen, Klippen und Vogelfelsen von Reynisfjara. Bei unseren letzten Reisen hatten wir hier immer furchtbares Wetter. Heute ist es ganz gut, aber der Parkplatz so derartig voll, dass wir die Lust verlieren. Am Skogafoss das gleiche Bild. Um etwas Ruhe zu haben, fahren wir ein Stück in Richtung Stóra-Mörk. Auf der Schotterpiste treffen wir dann auch nur ein paar 4x4s. Wir haben keine Lust auf noch mehr Trubel und Leute und beschließen, die Halbinsel Reykjanes und den ganzen Bereich um Reykjavik großräumig zu umfahren. Wir biegen ab nach Norden und begegnen unterwegs einer ganzen Herde Island-Pferde, die scheinbar für eine größere Tour vorbereitet wird. Wir halten an und schauen dem Treiben eine Weile zu. Eigentlich haben wir gar keine große Beziehung zu Pferden (eher zu Eseln ;-)) , aber diese hier sind einfach schön und man merkt ihnen an, dass sie schon aufgeregt  sind. Ein Stück weiter, am Gluggafoss, ist es angenehm ruhig. Nur wir und die Insassen eines weiteren Autos genießen den Anblick des Wasserfalls. Auf kleineren, teilweise unbefestigten Straßen fahren wir bis zur 35 und finden bei Skjol einen angenehmen Campingplatz.

Die Highlights am „golden Circle“, also Gullfoss und den großen Geysir Strokkur, kennen wir schon ziemlich gut und sparen uns angesichts der Menschenmassen einen Besuch. Das Wetter ist auch ziemlich eklig und etwas demotivierend, aber hält uns dann doch nicht von einem Besuch an der Webcam auf dem südlichen Parkplatz im Pingvellir ab, um Heidi zuhause eine kleine Freude zuzuwinken. Falls das jemand nachmachen möchte: Die Cam ist auf ein kleines Trafohäuschen bei  64.255233° -21.124614° montiert und blickt nach Norden.

Das Wetter bleibt mistig, während wir einmal rund um die Halbinsel Snæfellsnes fahren. Der namensgebende Vulkan, der Snæfellsjökull, ist im Dunst nicht einmal zu erahnen. Abends bleiben wir in Olafsvik. Obwohl noch ganz gut Platz ist, stellt sich ein Microcamper genau neben uns. Hmmm. Aber er gibt uns damit immerhin Gelegenheit für „Studien“. Eine Frau, vielleicht Anfang  dreißig, steigt aus und beginnt etwas umständlich mit dem Umbau des Autos zur Schlafstätte. Scheinbar macht sie das zum ersten Mal oder hat zumindest nicht viel Übung darin. Außerdem hat sie zwei große Gepäckstücke, eins davon ist ein großer Rollkoffer, die natürlich erst mal ins Freie müssen, um innen Platz zu schaffen. Man sieht ihrem ratlosen Gesicht an, dass sie bei der Planung der Reise wohl nicht an dieses Problem gedacht hat. Blöderweise fängt es just in dem Moment wieder an, ziemlich zu regnen und sie muss sich beeilen, die Sachen nun in der Heckklappe zu verstauen. Irgendwann schaft sie das. Glücklich sieht anders aus. Und helfen hätten wir letztlich auch nicht können.

Island   hin  und hergerissen

Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg nach Búðardalur und weiter nach Norden. Die Wettervorhersage verspricht für die Westfjorde sogar noch Verschlechterung. Wir beschließen, nicht nach Latrabjarg und Bolungavik, sondern direkt nach Norden nach Drangsnes zu fahren. Die Strecke ist keine Hochlandstraße, führt aber über die Berge. Wir kommen an einer der typischen, älteren Nothütten mit Spitzdach vorbei. Sie ist in desolatem Zustand, irgendwer scheint sogar die Hälfte der äußeren Tür als Heizmaterial für den kleinen Ofen missbraucht zu haben und auch sonst sieht es drinnen etwas wüst aus. Im Eingangsbereich finden wir einen kleinen Brief, scheinbar von einem Ranger, der sich mit traurigen Worten über den Vandalismus an den Touristen wendet. Wir können den Frust über derart asoziales Verhalten mehr als gut verstehen. Traurig. Unser Nachtquartier schlagen wir an einer Art Mehrzweckhalle in Drangsnes, fast direkt am Ufer, auf. Wieder hauptsächlich Microcamper und ein paar Fahrrad-Trekker, die natürlich unter dem schlechten Wetter besonders leiden. Den Vorraum zwischen Toiletten und Duschen haben sie als Küche und Esszimmer auserkoren. Lecker. Die Nacht ist nass und stürmisch, unser „Esel“ schaukelt in den Böen.

Wir halten uns mehr oder minder immer an der Küste entlang. Der Himmel ist grau, aber wir sind guter Stimmung. Im Skagafjörður, mitten im Fjord, entdecken wir dann etwas, womit wir hier eigentlich überhaupt nicht gerechnet haben – im Wasser treibt eine ziemlich kapitale Eisscholle. Auf diese Weise gelangen auch manchmal Eisbären nach Island – nun können wir uns das recht bildlich vorstellen. Am Abend sind wir in Saudarkrokur. Der Campingplatz ist nicht sehr voll und die Anlagen sauber.

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Wir wollen ins Hochland, weg von der für unsere Begriffe ziemlich belebten Ringstraße, und halten uns Richtung Tjaldsvædl. Auf dem Weg nach Süden sehen wir entlang der Hochlandpiste (nicht zum letzten Mal) diverse Stellen, an denen irgendwelche Idioten unbedingt wild abseits des Weges herumgurken und tiefe Spuren hinterlassen mussten. Das ist mit gutem Grund verboten – so weit im Norden erholt sich die Natur nur sehr, sehr langsam. Solche Spuren bleiben oft jahrelang sichtbar und die zerstörten Pflanzen und Flechten brauchen ebenso lang oder sogar länger, um sich zu erholen. Derartig unverantwortliches, rücksichtsloses Verhalten führt am Ende schlicht zu Restriktionen, Verboten und Streckensperrungen. Am Laugafell legen wir an der Rangerhütte und dem Hotpot noch eine erholsame Rast ein, bevor wir durchs Hochland in Richtung Akureyri aufbrechen. Auf der Strecke gibt es zwar kaum Furten, dafür aber ein paar Stellen, die für ein Auto der Größe unseres Esels schon etwas anspruchsvoller sind. Der macht aber überhaupt keine Probleme.

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Wir wollen heute mal Essen gehen, irgendwas mit Fisch im Restaurant Bautinn. Und morgen noch etwas in der Stadt herumlaufen. Also bleiben wir auf dem Campingplatz in Akureyri. Wie nicht anders zu erwarten, ist der ziemlich bevölkert. Der überdachte Teil am Sanitärgebäude ist von zahlreichen Leuten geradezu verstopft. In den Sanitärräumen selbst sehen wir dann, dass die schlechten Seiten der modernen Welt auch hier angekommen sind. Jede, aber wirklich jede Kabine ist vollgeschmiert mit irgendwelchen Filzstift-Graffiti. Nicht Kunst oder wenigstens originell, sondern einfach nur übelstes Geschmiere. Da Einheimische diese Anlage sicherlich weniger oft besuchen, dürfte es sich wohl um Hinterlassenschaften junger Touristen handeln. Wir gehen den kurzen Weg zum Bautinn, das übrigens in einem der ältesten und schönsten Häuser der Stadt untergebracht ist, und freuen uns über ein sehr leckeres Abendessen. Empfehlenswert!

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Nach einem morgendlichen Bummel durch die überschaubare Innenstadt fahren wir nach Siglufjörður ins Heringsmuseum. Hierher wollten wir schon die letzten Male, haben es aber irgendwie nie geschafft. Es schifft wie aus Eimern, genau das richtige Wetter für ein Museum. Und dieses stellt sich auch tatsächlich als wirklich interessant und lohnend heraus.

Island   hin  und hergerissen

Zurück über Akureyri geht es weiter. Wir wollen nach Husavik, trödeln aber viel herum und schaffen es nur bis Nes. Neben dem Schwimmbad, das einsam an der Straße liegt, gibt es einen Stellplatz auf einer Wiese. Hier stehen neben den nun für uns schon gewohnten Schlaf-Caddys auch ein paar mehr Vans und zwei oder drei Miet-Pickups mit Absetzkabine. Die Umkleide des Schwimmbads sieht einigermaßen furchtbar aus – dass man hier nicht mit Schuhen hinein soll, scheint manche Leute nicht zu interessieren. Dafür sind die Duschen angenehm sauber und leer – vielleicht auch einfach, weil es sich um Gemeinschaftsduschen ohne jede Abtrennung handelt? Uns macht das nichts aus und wir freuen uns über das warme Wasser, das hier schon so warm – oder vielleicht noch wärmer – natürlich aus der Erde kommt. Am nächsten Morgen fahren wir „hinten herum“ durch das geothermal aktive, aber nur wenig erschlossene Gebiet nach Husavik. In den vier Jahren seit unserem letzten Besuch hier wurde offenbar mit dem Bau eines Geothermie-Kraftwerks begonnen. Manche der Bauten sehen eher aus wie gelandete Ufos.Touristen verirren sich wahrscheinlich eher selten hierher.

Es stürmt und regnet. Das Whale Watching von Husavik aus sparen wir uns besser. Schade. Wir fahren weiter. Weiter an der Küste entlang, bis kurz unter den Polarkreis in die wieder ganz andere Landschaft noch nördlich von Raufarhöfn. Unterwegs treffen wir auf einer matschigen Sackgasse kurz vor Hallbjarnarstadhir ein paar deutsche Overlander in einem älteren Klein-LKW. Wir unterhalten uns kurz und erfahren, dass ihr Eindruck eines „überfüllten Island“ unserem in etwa entspricht. Sie wollen zurück ins Hochland, wo es ruhiger ist. Wir wollen in die andere Richtung, nach Þórshöfn, dem nordöstlichsten Ort Islands, und fahren dort zum alten Flugplatz direkt an der rauen Küste. Dort soll es ein weiteres Flugzeugwrack geben, noch eine DC-3. Wir sehen es auch aus der Ferne, aber die „Betreten verboten“-Schilder am Zaun sind eindeutig und das Grundstück bevölkert mit Kühen. Es stürmt immer noch, die Brandung spritzt neben uns in die Höhe. Den örtlichen Stellplatz finden wir nicht so prickelnd und verschwinden wieder. Es ist schon spät, als wir in Vopnafjörður ankommen. Der Campground ist etwas schwer zu finden, stellt sich aber dann als sehr klein, nicht zu voll und ganz gemütlich heraus.

Wir haben noch ein paar Tage und wollen unbedingt noch etwas ins Hochland. Also machen wir uns auf den Weg zur Askja. Das passt auch terminlich prima, Michael von 4x4experience will ungefähr zeitgleich mit einer kleinen Gruppe dort im Camp ankommen und wir freuen uns schon, ihn zu treffen. Als wir dort eintreffen, ist Michael scheinbar auch gerade angekommen, wir checken direkt nacheinander ein. Einige aus Michaels Gruppe wollen noch hoch zum Kratersee und so verschwindet die ganze Gang nochmal. Ich setze gerade den Dutch Oven für ein leckeres Abendessen an, als ich meinen Augen kaum traue: Genau neben uns stellt sich so ein großer, roter Rotel-Bus hin – als ob hier nicht genügend Platz wäre. Christel und ich sind darüber wenig erfreut, Michael sieht das locker, als er etwas später wieder auftaucht. Das nette Mädchen vom Haupthaus erzählt mir, dass die häufiger hier sein. Beim Essen schauen wir immer mal raus und bedauern die Nachbarn, die nachher in ihre irgendwie sargähnlichen Schlaf-Fächer krabbeln müssen. Aber wer’s mag…

 

Island   hin  und hergerissen

Die Nacht bleibt trotz des der vielen Nachbarn ruhig und die Landschaft entschädigt uns durch ihre Schönheit. Eigentlich tut sie das ja nahezu überall auf Island, aber das Hochland ist schon noch etwas Besonderes. Als wir es schließlich wieder verlassen, biegen wir in Richtung Borgarfjörður ab. Dort soll es angeblich einen tollen Vogelfelsen geben und wir waren noch nie dort. Der Felsen stellt sich als nicht ganz so spektakulär heraus, dafür sind die Bucht und der Hafen wirklich nett. Wir beschließen, auf dem dortigen Campingplatz Wasser aufzufüllen und zu duschen. Letzteres verwerfen wir nach der Besichtigung der Duschen, die irgendwelche Ferkel vollkommen verdreckt haben – der ganze Fußboden inklusive Dusche liegt dick voller Matsch und Sand. Wir hauen jedenfalls schnell wieder ab, um die letzten zwei Tage bis zur Rückfahrt noch an den Ostfjorden zu verbringen. Auf dem Weg dorthin landen wir wieder in Egilsstaðir und bleiben auf dem Campingplatz, weil er, wie die meisten auf dieser Reise, mit der Campingkarte bereits bezahlt ist.

Island   hin  und hergerissen

Wir haben keine Lust, Frühstück zu machen und besuchen statt dessen ein Diner, das wir früher nie bemerkt haben. Bingo – lecker! Bevor wir den Ort wieder verlassen, zieht es uns noch zu einer Art Oldtimer-Schrottplatz, um ein paar Fotos zu machen. Warum haben wir auch den nicht schon früher entdeckt? Unser nächstes Ziel ist ähnlich morbider Natur: Das Wrack eines amerikanischen Landungsbootes aus dem Zweiten Weltkrieg liegt an einem der Fjorde. Den Rest des Tages verbringen wir wie geplant mit allerlei Erkundungen rund um die Ostfjorde und bleiben für die Nacht am Ententeich in Reyðarfjörður.

Island   hin  und hergerissen

Der letzte Tag auf Island bringt uns dann nochmal an allerlei Ecken im Südosten, bevor wir abends nach Seyðisfjörður fahren, um morgens einigermaßen stressfrei am Anleger sein zu können. Der Campingplatz ist natürlich brechend voll, als wir ankommen und wir landen ein Stück weiter auf einem Parkplatz, der scheinbar als Erweiterungsfläche dient.

Am Abend resümieren wir für uns. Schön wars. Und Island gehört immer noch zu unseren Favoriten. Aber es hat sich in den letzten Jahren schnell  verändert, zu seinem Nachteil verändert, finden wir. Auch hier gilt der Slogan „Feuer und Eis“. Der verstärkte Tourismus der letzten Jahre bringt natürlich einen wirtschaftlichen Aufschwung, hat aber eben auch seine Schattenseiten. Uns ist vollkommen bewusst, dass auch wir natürlich Teil dieses Tourismus sind, dass es allein durch uns wieder zwei Touristen mehr sind. Es spielt aber auch eine Rolle, wie man sich unterwegs verhält, ob man respektvoll und mit Rücksicht mit Natur, Mitmenschen und Ressourcen umgeht oder einem das vollkommen egal ist. Auf dieser Reise hatten wir leider oft den Eindruck, dass erschreckend viele Island-Besucher nach dem Leitspruch „Nach mir die Sintflut“ handeln. Manche scheinen geradezu ärgerlich zu sein. Ärgerlich vielleicht über das Wetter, die unerwartete (?) Kälte, die hohen Preise, über die eigene Idee, zu campen (vielleicht zum ersten Mal im Leben)? Und diesen Frust lassen sie dann vielleicht an ihren Mitmenschen oder eben an Dingen aus. Möglicherweise gibt es auch welche, die meinen, sie hätten nun einfach mal das Recht, dies oder das zu tun, weil irgendetwas anderes ja überhaupt nicht so ist, wie sie es erwartet haben? Wir sind keine Psychologen, sondern schauen nur rat- und manchmal fassungslos zu. Ein immer geringeres Unrechtsbewusstsein und die schon genannte „mir-doch-egal-Haltung“ scheinen allgemein immer salonfähiger zu werden. Der von uns beobachtete Umgang mit fremden Eigentum, mit Einrichtungen für die Allgemeinheit und nicht zuletzt mit der Natur spricht Bände. Über zwei Millionen Touristen pro Jahr besuchen das kleine Land, seine ebenso großartige wie fragile Natur und die gerade mal 330.000 Einwohner. Uns wundert es überhaupt nicht, dass immer mehr Isländer ein ambivalentes Verhältnis zum Tourismus und zu Touristen entwickeln. Es ist auch ein bisschen wie „Die Geister, die ich rief…“.

2 Antworten zu Island – hin- und hergerissen

  1. Dirk sagt:

    Sehr schöner Bericht….vielen Dank dafür. Das Resümee können wir so unterschreiben….ähnliche Eindrücke haben wir in 2017 gewinnen können.

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