29.07.2019 Kommentare (5) Camping

Drahtloser Neigungsmesser für den Camper günstig realisiert

Das Reisemobil möglichst gerade austarieren – eigentlich trivial, aber auch lästig. Weil uns das immer etwas nervt, suchte ich schon länger nach einer Lösung, bei der ein Sensor irgendwo an geeigneter Stelle verbaut werden kann, der sein Signal dann an eine Anzeige im Cockpit überträgt. Natürlich sollte das Ganze auch in einem vernünftigen finanziellen Rahmen bleiben. Diese Suche war eine kleine Odyssee, die gefundene Lösung stelle ich hier vor.

Warum der Aufwand?

Steht der Camper schief, ist das in mehrfacher Hinsicht blöd. Beim Kochen nervt es schnell, wenn der Van schief steht Je nach Schieflage rollt man beim Schlafen gegen den Partner oder rutscht im Bett ständig Richtung Kopf- oder Fußende. Für Menschen, die leicht unter Reflux bzw. Sodbrennen leiden (wie ich), ist ein hängendes Kopfende ganz besonders unangenehm. Wir haben zwar glücklicherweise keinen Absorber-Kühlschrank, aber die Dinger müssen wohl im Betrieb auch in Waage stehen. Also sollte der Camper idealerweise irgendwie ausgerichtet werden.

Da wir meist frei stehen und eigentlich fast jeden Tag woanders sind, gibt es das Prozedere bei uns mehr oder minder täglich. Bisher haben wir immer hinten auf dem Küchenblock oder Fußboden mittels Dosenlibelle oder Handy-App geguckt, ob es passt. Das geht prinzipiell zwar ganz gut, ist aber trotzdem immer etwas nervig – Aufstehen – Nachgucken – Hinsetzen – Rangieren und so weiter. Im Sichtbereich des Cockpits gibt es in unserem Sprinter leider keinen wirklich geeigneten Platz, eine Libelle so zu montieren, dass man vom Fahrersitz aus ordentlich draufgucken kann und sie gleichzeitig so platziert ist, dass man nicht drauftritt oder dauernd dagegen kommt.

Lösungsansätze

Auf dem deutschen Markt war die Suche nach einem passenden Produkt zunächst nicht sehr erfolgreich. Es gibt reichlich mechanische Libellen und Dosenlibellen und im Heimwerkerbereich auch diverse elektronische Neigungsmesser (Clinometer), die uns aber aus den oben genannten Gründen nicht weiterbrachten.

Vor allem in den USA und Australien werden mehrere Produkte speziell für Motorhomes und Camper angeboten. Die einfacheren Geräte (z.B. Cipa oder Camco) sind nicht zur festen Montage gedacht, sondern werden einfach auf den Boden gelegt und zeigen dann nur mit einer roten oder grünen LED pro Rad an, ob alles stimmt. Irgendwie einfach nicht das, was ich suchte. Richtig interessant fand ich die Lösungen, die aus einem Sensor und einer dazugehörigen Smartphone-App bestehen und per Bluetooth kommunizieren. Das australische SavvyLevel kostet umgerechnet 185 Euro, das amerikanische LevelMatePRO umgerechnet rund 150 Euro. Dazu käme noch erheblich Porto, Einfuhr-Umsatzsteuer, und Zoll, womit man in beiden Fällen sicher deutlich über zweihundert Euro landen würde. Und das war und ist es mir nicht wert.

Richtig gut hörte sich für mich RV LEVEL an. Die Android-App kann man aus Google Play kostenlos und werbefrei herunterladen und mit dem im Smartphone eingebauten Sensor auch ausprobieren bzw. sogar nutzen. Die vom Hersteller angebotenen Sensoren gibt bzw. gab es leider auch nur bei Amazon USA und keiner davon ist lieferbar. Emails an den Hersteller der Hardware blieben komplett unbeantwortet. Die Bewertungen bzw. Kommentare zur App zeigen, dass das wohl schon länger so ist. Ich konnte also nicht mal herausfinden, was diese Sensoren kosten würden.

Da dieser Weg scheinbar nicht zum Ziel führte, kam mir die Idee zum Selbstbau, zum Beispiel aus Basis eines Arduino Nano Microcontrollers, eines Tilt-Sensors und eines Bluetooth-Moduls. Bei der Beschäftigung mit den in Frage kommenden Komponenten stieß ich auf ein Modul namens BWT61CL einer Firma namens witmotion, das Bluetooth und Neigungssensor auf einer kleinen Platine vereint und sogar gleich in einem kleinen Gehäuse mit Montage-Langlöchern und einem kurzen USB-Kabel zur Stromversorgung lieferbar ist. Da das Ding unter vierzig Euro kostet und es auch in deutschen Onlineshops mit Rückgaberecht verfügbar ist, bestellte ich einfach mal eins davon, um ein wenig zu experimentieren. Zwei Tage später hatte ich das Teil in der Hand. Das kleine Gehäuse ist nur etwa 3,5cm x 5,0cm x 1,5cm groß und macht einen ordentlichen Eindruck. Das Kabel hat zwar keine Zugentlastung, aber das kann man bei der Montage ja berücksichtigen.

Die (un)erwartete (Teil-)Lösung

Das Modul ließ sich problemlos über Bluetooth mit dem Handy koppeln. Da ich annahm, dass die Hersteller der oben aufgeführten Produkte das Rad sicher nicht neu erfunden hatten, sondern wahrscheinlich existierende Chips oder Baugruppen verwenden, probierte ich die dazugehörigen Apps einfach aus Spaß mal versuchsweise aus. Und – Bingo – tatsächlich erkannte die RV LEVEL – App meinen Sensor. Nach einigen Stunden der Herumspielerei war klar, dass diese Kombination tatsächlich so in der Praxis funktionieren würde.

Zwar gibt es die App auch für das iPhone, leider erkennt das Apple-Gerät den Sensor über Bluetooth aber gar nicht erst. Also funktioniert die hier beschriebene Lösung leider nur mit Android.

Vorbemerkung

Ich gebe hier keine komplette Anleitung, sondern nur ein paar Hinweise. Einige Sachen muss der geneigte Leser bitte selber herausfrickeln.

Die Hardware

Drahtloser Neigungsmesser für den Camper günstig realisiertDas BWT61CL hat einen kleinen Schalter, mit dem es ein- und ausgeschaltet werden kann. So lange die eingebaute Knopfbatterie es tut, braucht man theoretisch nicht einmal das USB-Kabel. Wie lange es diese Batterie tut bzw. tun wird, vermag ich noch nicht zu sagen. Es ist mir auch nicht so wichtig, da ich das Modul ja über einen USB-Stecker mit Strom versorgen kann und will. Das kleine Modul habe ich zur besseren Montage auf ein Stück 8mm-Siebdruckplatte geschraubt und das kurze Kabel auf dieser mittels Kabelbinder zugentlastet. Bei uns ist das Ganze dann unter dem dritten Sitz mittels 3M Dual Lock wackelfrei befestigt. Bei der Montage ist es vor allem wichtig, die richtigen Achsen (X und Y) zu beachten, die auch oben auf dem Modul markiert sind. Noch besser ist es natürlich, das vor dem Einbau noch einmal auszuprobieren.

Kalibrieren der Hardware

In den Bluetooth-Einstellungen muss das Smartphone einmalig mit dem BWT61CL gekoppelt werden. Das sollte als „HC06“ sichtbar sein, der Passcode war bei mir „1234“.

Die notwendige Kalibrier-Software (gezipte APK) gibt es leider nicht bei Google Play, sondern nur auf der Support-Seite des chinesischen Herstellers, die Installation ist daher eher etwas für Leute, die wissen, wie man Drittanbieter-Apps installiert.

Wir müssen dem Modul nun mitteilen, wo „oben“ ist und wann es sich in der Waage befindet.  Dazu sucht man sich eine ebene Stelle und tariert das Fahrzeug mittels Wasserwaage oder Libelle nochmal absolut gerade aus.

Nach dem Start der Witmotion-App wählt man im angezeigten Menü das passende Modul, hier also „WT61“. Auf dem folgenden Bildschirm wählt man oben „ANGLE“ und tippt unten auf „CONFIG“. Von links öffnet sich nun eine weitere Auswahl, in der man auf „Z-axis return to zero“ tippt. Das wiederholt man nun noch für die Bereiche „A“ und „W“ im oberen Menü. Wenn das alles geklappt hat, sollte jetzt auch entsprechend null Grad Neigung angezeigt werden.

Damit ist die Hardware-Kalibrierung abgeschlossen. Die App kann geschlossen und ggf. deinstalliert werden, sie wird nur wieder benötigt, wenn man das Modul mal in anderer Lage bzw. einem anderen Fahrzeug montieren sollte.,

Die eigentliche Software

Die App RV LEVEL, mit der wir später unser Fahrzeug ausrichten wollen, gibt es kostenlos bei Google Play für Android.

Nach der Installation muss diese Software nun auch einmalig auf das Modul kalibriert werden (das Auto muss hierfür immer noch genau waagerecht stehen!). Dazu tippt man oben in der Statuszeile der App und wählt „Find NEW“. Hier sollte das Modul dann nach einigen Sekunden mit irgendeinem kryptischen Namen auftauchen. Den kann man nun ändern und die Fahrzeugparameter (Breite und Radstand) eingeben. Wer möchte, kann sogar eigene Fahrzeugbilder einbinden. Außerdem kann man zwischen Trailer und Motorhome wählen, was eigentlich nur Auswirkungen auf die Anzeige hat. Ich persönlich finde die Trailer-Ansicht deutlich besser, aber das ist sicher auch Ansichtssache.

Zur Nullstellung der App  hält man den Finger etwas länger auf dem Feld des jeweiligen Anzeigemodus, also z.B. auf „Level“. In dem erscheinenden Menü können dann die beiden Achsen auf null gesetzt und auch die Empfindlichkeit justiert werden. Ich habe die Empfindlichkeit auf den niedrigsten Wert gesetzt, sonst ist mir die Anzeige zu zappelig. Aber das muss jeder selbst ausprobieren. Mit den restlichen Funktionen der App muss man ebenfalls einfach mal etwas herumspielen.

Ob einem das überhaupt zusagt, kann man ja vorher auch schon ohne das Modul ausprobieren, indem man in der App den „Local Sensor“ des Smartphones wählt und sich die ganzen Funktionen mal anschaut.

Noch einige Bemerkungen: Ich habe den Sensor liegend, also mit der Beschriftung nach oben, eingebaut. Andere Lagen könnten evtl. problematisch sein, wie ich von einem Leser erfuhr. Und die App scheint mit den Maßeinheiten Meter und Feet etwas durcheinander zu kommen, wenn man nach der Einrichtung erneut in die Parameter geht. Hier muss man etwas aufpassen und Breite und Radstand im Zweifel halt erneut korrekt eingeben.

Wichtige Hinweise

Ich bin mit den hier genannten Firmen und Produkten weder privat noch geschäftlich in irgendeiner Weise verbunden. Dieser Beitrag beschreibt lediglich eine Lösung, wie sie für mich/uns momentan gut funktioniert und die ausdrücklich eher für Selbstbauer und Bastler geeignet sein dürfte. Ich kann, will und werde für die hier beschriebene Hard- und Software keinerlei Support, Unterstützung oder gar Gewährleistung für das Funktionieren oder die Eignung für irgendeinen Zweck übernehmen. Ich kann auch nicht vorhersagen, ob sich an der beschriebenen Hard- und Software zukünftig etwas ändern wird, ob das Ganze dann noch funktioniert oder ob es zukünftig immer noch Updates für die App geben bzw. diese überhaupt noch verfügbar sein wird. Mit anderen Worten: Wer das hier nachbaut bzw. nachmacht, tut das einzig und allein auf eigenes Risiko und eigene Gefahr. Leider sind Haftungsausschlüsse wie dieser ja in unserer heutigen Welt wohl notwendig geworden.

Ob man so etwas braucht oder nicht, ob man es wichtig findet, ob und wie gerade oder schief das Reisemobil steht, ist wahrscheinlich Ansichtssache. Neben dem Nutzen, den es für uns hat, machte mir die Beschäftigung mit dem Thema und das „Gefrickel“ mit Apps und Hardware einfach Spaß. Ich hoffe, dieser kleine Tipp ist auch für Euch nützlich und/oder macht Euch Spaß! Und gebt gern etwas Feedback in den Kommentaren!

5 Antworten zu Drahtloser Neigungsmesser für den Camper günstig realisiert

  1. Eckhard sagt:

    Moin,
    Vielen Dank für den Tip mit Sensor und der App.

    Ich habe das Teil heute eingebaut und war erst entäuscht, da ich mir erhofft hatte den Höhenunterschied in cm ablesen zu können. dieses hat aber so nicht funktioniert.
    Daraufhin habe ich die Werte auf Null gesetzt und bin auf die letzte Stuffe meiner Keile gefahren (10cm),
    dann die Gradzahl abgelesen und mit einem Neigungsrechner die Länge ermittelt. Diese dann als Fahrzeuglänge eingegeben und siehe da es wurden 10cm angezeigt und die anderen Stufenhöhen der Keile passten ebenfalls.
    Das ganze nochmals mit der seitlichen Neigung wiederholt und danach das Fahrzeug grade gestellt und das System genullt.
    jetzt kann ich ablesen wieviel cm es so ungefähr sein müssen damit man grade steht.

    Also nochmals Vielen Dank für den Tip

    Gruß Eckhard

    • Michael Grube sagt:

      Moin Eckhard! Danke für den netten Kommentar und den guten Tip Deinerseits natürlich auch!

  2. Armin sagt:

    Hallo Michael,
    Vielen Dank für den genialen Beitrag. Exakt soetwas habe ich gesucht und hatte schon gedacht, ich müsse es erfinden und damit das dicke Geschäft machen 😂.
    Das kleine Teilchen habe ich mir gleich bestellt und nach zwei Tagen war es auch schon da. App runtergeladen und Zack – hat es schon funktioniert.
    Da ich ein 10 Zoll Tablett als Navigationssystem habe (das funktioniert beim Ducato sehr gut), wollte ich exakt diese Anzeige da abgebildet haben, damit ich nicht immer aufstehen muss.
    Wie du schon sagtest, ist die Wohnmobilansicht nicht gut, aber ich habe mir zwei Camperbilder gezeichnet (Fotos sind auch schlecht)und eingebunden.

    Gleich heute habe ich es in mein Wohnmobil eingebaut und bin total begeistert.

    Vielen Dank und ich wünsche dir allzeit eine gute Fahrt und tolle Erlebnisse
    Armin

  3. Thomas Roese sagt:

    Hallo Michael,
    ich bin froh, über diesen Beitrag gestolpert zu sein. Habe diesen Neigungssensor in meinen Campervan (Sprinter) installiert und was soll ich sagen es funzt vom Feinsten.
    Danke Dir.

    Gruß Thomas aus SAW

    • Michael Grube sagt:

      Hallo Thomas!
      Super – es freut mich total, wenn einer meiner Beiträge jemandem hilft!
      Mike

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